Was geschah in Kirchbichl?

Das Innkraftwerk Kirchbichl

Der Bau des Laufkraftwerks durch die heutige Tiroler Wasserkraft AG (TIWAG) erfolgt von 1938 bis 1941. Nach dem Kriegsbeginn im September 1939 werden viele Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene auf der Baustelle eingesetzt. Ende November arbeiten rund tausend Männer auf der Baustelle, in etwa ein Drittel von ihnen sind Ausländer.

Das Krafthaus mit Blickrichtung Osten im Bau …

Quelle:
Wehrbau im Inn bei Kirchbichl, Österreich, 1939-1940, Berlin-Brandenburgisches Wirtschaftsarchiv e.V.
https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/P7WS5DAC35TBHUIANUT56ULERNKAWTEO

1940/2024

… mit Blickrichtung Westen unmittelbar nach der Fertigstellung und heute.

Quelle: 
Links: Wehrbau im Inn bei Kirchbichl, Österreich, 1939-1940, Berlin-Brandenburgisches Wirtschaftsarchiv e.V.
https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/HO53EOPLCTFHR4G6F2BJ37ZW5HPE6NXQ
Rechts: tirol:erinnern

Das Polenlager

Die ausländischen Arbeiter sind in einem Barackenlager untergebracht. Die meisten Männer stammen aus Polen, daher wird es als „Polenlager“ bezeichnet. Es besteht aus Wohnbaracken mit angegliederten Waschräumen. In einer Baracke sind die Küche sowie ein Speiseraum untergebracht.

Das Innkraftwerk geht im Herbst 1941 in Betrieb. Die Zahl der Arbeitskräfte wird danach verringert, weil nur noch kleinere Arbeiten verrichtet werden. Das „Polenlager“ wird aufgelassen. Die verbleibenden Arbeiter werden in das „Lager am Wehr“ verlegt.

Während des Krieges gibt es einen gewaltigen Mangel an Arbeitskräften. Viele Männer müssen einrücken. Rüstungsfabriken und Betriebe, die für die Kriegswirtschaft wichtig sind, brauchen dringend ArbeiterInnen. Auch in der Landwirtschaft fehlt Personal. Der Nationalsozialismus hilft sich mit einem der größten Zwangsarbeits-Systeme der Geschichte: Über zwanzig Millionen ausländische Arbeitskräfte und Kriegsgefangene müssen im Verlauf des Zweiten Weltkriegs für NS-Deutschland arbeiten.

In Tirol profitieren große wie kleine Betriebe der Privatwirtschaft. Sie können ihre Arbeitsaufträge nur mit Hilfe von ZwangsarbeiterInnen ausführen. Die Unternehmen müssen diesen Arbeitskräften viel weniger Lohn bezahlen und sichern sich dadurch hohe Gewinne. Auf Bauernhöfen sorgen ZwangsarbeiterInnen für die Einbringung der Ernte. Auch die Gemeinden setzen sie für den Bau von Straßen und Wohnungen ein. Das Land Tirol und seine Bevölkerung profitiert bis heute von dieser Zwangsarbeit.

Hier siehst du, wo sich die beiden Zwangsarbeits- und Kriegsgefangenenlager befinden, eingetragen auf einem Luftbild vom 10. April 1945.

Quelle:
Archäologie der Zwangsarbeit – Das „Lager am Wehr“ und das „Polenlager“ beim Innkraftwerk in Kirchbichl, Tirol
http://monumentgut.at/wp-content/uploads/2024/06/Archaeologie-der-Zwangsarbeit.pdf

Kontaktverbot

Die Nationalsozialisten erlassen harte Verhaltensregeln für ZwangsarbeiterInnen und die einheimische Bevölkerung. Persönliche Kontakte sind strengstens untersagt. Fliegen Freundschaften auf, gibt es brutale Strafen. Auf Liebesbeziehungen mit deutschen Frauen steht für Polen und sogenannte „Ostarbeiter“ (ehemalige Staatsbürger der Sowjetunion) die Todesstrafe. Die einheimischen Frauen werden mit Gefängnis oder Lagerhaft bestraft.

Ziehen

Die Nationalsozialisten machen laufend die Bestimmungen bekannt, wie sich die einheimische Bevölkerung im Umgang mit ZwangsarbeiterInnen zu verhalten hat. Es gibt eigene Merkblätter für die TirolerInnen.

Jegliche Hilfeleistungen sind verboten, die Bevölkerung darf mit den ZwangsarbeiterInnen nicht einmal sprechen.

Jeder persönliche Kontakt der ZwangsarbeiterInnen und Kriegsgefangenen mit der einheimischen Bevölkerung ist streng untersagt. Wer das Kontaktverbot nicht einhält, wird streng bestraft. Aloisia Gabl aus Schönwies wird zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, weil sie zwei russischen Kriegsgefangenen ein Stück Brot gibt. Drei Schüler der Hauptschule Telfs werden aus der Schule geschmissen, weil sie hungrigen Kriegsgefangenen Obst zuwerfen.

In der Landwirtschaft hält sich die Bevölkerung nicht immer an die NS-Vorschriften und behandelt die zugeteilten ZwangsarbeiterInnen menschlich. Marija Kukurusa-Schweißgut wird aus der Ukraine verschleppt und arbeitet in der Nähe von Reutte auf einem Bauernhof. Dort wird sie gut behandelt. Sie bekommt genug zu essen und darf mit der Bauersfamilie am selben Tisch sitzen. Dragomir Salmic aus Slowenien, der in Innsbruck Zwangsarbeit leisten muss, macht andere Erfahrungen: „Die Innsbrucker sind immer nur Zuschauer geblieben, Zuschauer unserer Arbeit.“

Besonders schlecht werden Menschen aus Osteuropa behandelt. Die NS-Diktatur schränkt ihre Bewegungsmöglichkeiten und Freizeitaktivitäten stark ein. Ab März 1940 müssen polnische ZwangsarbeiterInnen ein Kennzeichen auf ihrer Kleidung tragen. 

Die Hinrichtung

Stefan Widla und Jan Kosnik aus Polen arbeiten auf der Baustelle in Kirchbichl. Sie treffen sich öfters mit zwei einheimischen Frauen, Annemarie Edenhauser und Hedwig Schwendter. Am 9. Juni 1940 fliegen die Begegnungen auf. Stefan Widla und Jan Kosnik werden sofort verhaftet und nach kurzer Zeit ohne Gerichtsprozess hingerichtet. Es ist die erste Exekution von Zwangsarbeitern in der NS-Zeit in Tirol.

Stefan Widla

Geboren am 19.06.1904 in Zabierzow, Polen

Jan Kosnik

Geboren am 15.10.1905 in Wizelowska, Polen

Am Montag, den 2. September 1940, werden Widla und Kosnik aus dem Innsbrucker Polizeigefängnis nach Kirchbichl gebracht. Erst dort erfahren sie ihr Todesurteil. 

Hier geht es zu den weiteren Kapiteln:

Wie kam es dazu?

Was passierte danach?