Was passierte danach?
KZ Ravensbrück und Auschwitz
Drei Tage nach der Hinrichtung überstellt die Geheime Staatspolizei Annemarie Edenhauser und Hedwig Schwendter in das Frauen-KZ Ravensbrück. Ein halbes Jahr später werden die beiden Frauen ins KZ Auschwitz gebracht. Sie gehören zu den wenigen Überlebenden und kommen noch vor Kriegsende frei.
Beide sind von ihrer Haft gezeichnet, Hedwig stirbt schon im Alter von 44 Jahren. Auch nach dem Krieg glauben viele Menschen in Kirchbichl und Häring, dass sie sich falsch verhalten hätten. 1948 behauptet der ehemalige Postenkommandant der Gendarmerie, dass sie an allem schuld seien:
„Diese zwei Frauen haben keinen guten Ruf in der Gemeinde Kirchbichl (…). Die Einwohner der Gemeinde Kirchbichl wären auch dafür gewesen, dass diese zwei Frauen miterhängt werden sollten (…).“
Einige Opfergruppen des Nationalsozialismus können nach 1945 um finanzielle Entschädigung ansuchen. Annemarie Edenhauser stellt 1952 einen Antrag und muss dafür ihre Verfolgung beweisen.
Die Tiroler Landesregierung lehnt ihr erstes Ansuchen ab, weil sie die Beziehung mit dem polnischen Zwangsarbeiter nur aus Eigeninteresse eingegangen sei und eine derartige Beziehung
"die Moral der kämpfenden Truppe und auch der Bevölkerung im Hinterland schwer gefährden, zumal wenn es sich (...) um eine verheiratete Frau handelt, deren Mann eingerückt ist“.
Mehr zu Opferfürsorge
Das erste Opferfürsorgegesetz wird bereits am 17. Juli 1945 beschlossen. Es sieht allerdings nur österreichische WiderstandskämpferInnen als Opfer an. Erst zwei Jahre später werden auch Opfer rassischer Verfolgung anerkannt. AntragstellerInnen erhalten Entschädigungs- oder Rentenzahlungen, wenn ihr Ansuchen positiv bewertet wird. Lange Zeit ist es nur ÖsterreicherInnen möglich, einen Antrag zu stellen.
Bestimmte Opfergruppen werden erst spät berücksichtigt. Sehr häufig geht ihre Diskriminierung nach dem Ende des Kriegs weiter. Beispiele dafür sind etwa Homosexuelle, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung in der NS-Zeit verfolgt wurden, oder als „asozial“ bezeichnete Menschen. Nach Österreich verschleppte Zwangsarbeitskräfte können erst ab dem Jahr 2000 um eine Entschädigung ansuchen.
Erinnerung
Bis vor kurzem erinnerten nur die beiden Grabkreuze am Soldatenfriedhof Amras an Stefan Widla und Jan Kosnik. Die Hinrichtung findet dort keine Erwähnung.
Mehr zu Erinnerungskultur
Unmittelbar nach dem Krieg prägt die Erinnerung an den Widerstand die Erinnerungslandschaft in Bezug auf die NS-Diktatur. Es entstehen fast ausschließlich Denkmäler, die den geleisteten Widerstand betonen und ihn dadurch völlig übertrieben darstellen. Ab 1950 ersetzt das Gedenken an die gefallenen Soldaten die Überhöhung des Widerstands. Die Soldaten werden als Helden inszeniert, die im Krieg ihre Pflicht erfüllt und ihre Heimat verteidigt hätten. Dass sie sich an einem Eroberungskrieg beteiligt und teilweise Verbrechen begangen haben, wird verleugnet.
An die Opfer des Nationalsozialismus wird verstärkt ab den 1980er Jahren erinnert. Bis heute gibt es aber etliche Leerstellen in der Erinnerung. Für Roma, Sinti, Jenische, Homosexuelle oder sogenannte „Asoziale“ gibt es in Tirol noch kein Erinnerungszeichen. Auch das Thema Zwangsarbeit, wie hier in Kirchbichl, ist im öffentlichen Gedächtnis noch nicht präsent.
Ein Ausbau des Kraftwerks in Kirchbichl führt von 2013 bis 2016 zu archäologischen Ausgrabungen. Durch die Funde und die erhaltenen Fotos können die Ereignisse des 12. September 1942 rekonstruiert werden.
Die Grabungsfunde gehörten vermutlich dem Personal des Lagerkommandos.






Quelle:
Archäologie der Zwangsarbeit – Das „Lager am Wehr“ und das „Polenlager“ beim Innkraftwerk in Kirchbichl, Tirol
https://www.researchgate.net/publication/382087129_Das_Polenlager_in_Kirchbichl_In_Archaologie_der_Zwangsarbeit_Das_Lager_am_Wehr_und_das_Polenlager_beim_Innkraftwerk_in_Kirchbichl_Tirol_Archaologie_Aktuell_10_2024
Erst 2024 wird ein Mahnmal zur Erinnerung an die Hinrichtung errichtet. Es steht symbolisch für die zwei polnischen Zwangsarbeiter und die beiden einheimischen Frauen. Eine Frau und ein Mann, die sich einander in die Augen sehen, werden von acht Personen umringt, die mit stoischem Blick Richtung Kraftwerk schauen.
Foto Aaron Peterer
Eine Tafel informiert über den Hintergrund des Mahnmals.
Foto Aaron Peterer
Damit ein Gedenkzeichen Sinn ergibt, müssen wir uns immer wieder mit dessen historischen Hintergrund auseinandersetzen: Was hat diese Geschichte für uns im HIER und JETZT für eine Bedeutung?

